Psychische Erkrankungen: Gesundheitspolitik ist am Zug

Wenn die Welt Kopf steht“ ist der Titel der diesjährigen niederösterreichischen Landesausstellung zum Schwerpunkt Mensch – Psyche – Gesundheit und ein guter Anlass, um dies zum Thema unserer aktuellen Studie für ORF Radio Wien mit Unterstützung unseres Feldpartners Bilendi zu machen. Dazu haben wir 500 Wienerinnen und Wiener, repräsentativ für die Wohnbevölkerung zwischen 16 und 79 befragt, die gleich in zweifacher Hinsicht ein berufenes Publikum sind: Erstens stammen traditionellerweise viele Besucher:innen der NÖ-Landesausstellung aus Wien, zweitens gilt Wien – dank Sigmund Freud – zumindest historisch als Welthauptstadt der Psychoanlayse und der Psychologie. Wir haben die Wienerinnen und Wiener daher gefragt, wie sie das Verhältnis von psychischen und körperlichen Erkrankungen zueinander einschätzen, ob sie eine ausreichende Berücksichtigung in der Gesundheitspolitik sehen und wie sich ihre eigene psychische Belastung in den letzten Jahren entwickelt hat.


75 % der Wiener:innen stimmen der Aussage zu, und zwar voll und ganz, dass psychische Erkrankungen so ernst genommen werden sollten wie körperliche. Unter jenen, die selbst Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen haben sind es sogar 85 %. Soweit der Anspruch. In der Realität sehen aber lediglich 14 % aller Wiener:innen, dass dieser auch tatsächlich voll erfüllt wird. Weitere 40 % meinen, dass dies eher der Fall ist.

Ein klarer Trend zeigt sich in dieser Frage nach Altersgruppen: Während 58 % der unter 30-jährigen psychische und körperliche Erkankungen als gleich ernst betrachten, sind es unter den 30- bis 49-jährigen 75 % und in der Altersgruppe 50+ 83 %. Die steigende Tendenz überrascht nicht, da 39 % der Wiener:innen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gemacht haben, und somit über den Zeitverlauf die Betroffenheit steigt.

Warum werden psychische Erkrankungen weniger ernst genommen, wie begründen diese Befragten ihre Meinung? 48 % der Nennungen beziehen sich darauf, dass es keine offensichtlichen Anzeichen oder messbaren Indikationen gibt. In lediglich 13 % der Fälle werden psychische Erkrankungen als Lifestyle- oder Modekrankheiten bezeichnet. Fazit: Der faktische Umgang ist schwierig, das Thema ist aber in der Mitte der Gesellschaft angekommen.


Umso bemerkenswerter ist es, dass 58 % der Wiener:innen der Ansicht sind, dass das österreichische Gesundheitssystem Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht ausreichend unterstützt.

Besonders hoch ist diese kritische Einschätzung bei Menschen, die selbst Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen haben (69 %), Menschen ab 50 (64 %), Befragte mit Matura oder höherer formaler Bildung sowie Frauen (jeweils 63 %).

Auffällig ist wiederum, dass Befragte unter 30 in dieser Frage am unkritischsten sind: 49 %, also klar unterdurchschnittlich viele, sehen zu wenig Unterstützung durch das Gesundheitssystem und liegen damit fast gleich auf mit jenen, die meinen, dass es ausreichend Angebote gäbe (45 %).


Dabei wäre es wichtig, dass die Gesundheitsversorgung auch die psychische Sphäre gut abdeckt, denn leider handelt es sich dabei um ein „Wachstumsthema“: 48 % der befragten Wienerinnen und Wiener meinen, dass die psychischen Belastungen in den letzten 1 bis 2 Jahren gestiegen sind, lediglich 6 % sehen einen Rückgang. Diese Entwicklung ist angesichts der gehäuften und dauerhaften Krisen nicht verwunderlich, 47 % meinen auch, dass sie sich zum Beispiel durch Kriege persönlich belastet fühlen. Frauen (52 %) leiden deutlich stärker darunter als Männer (42 %).

Familien mit Kindern unter 14 Jahren im Haushalt stechen bei dieser Frage besonders hervor: 59 % geben an, dass die psychischen Belastungen in den letzten 1 bis 2 Jahren gestiegen sind. Vermutlich machen sich bei ihnen Zukunftsängste durch politische Konflikte oder den Klimawandel besonders bemerkbar.

Nach Altersgruppen sind es bei dieser Frage die 30- bis 49-jährigen, die ein besonders starkes Steigen des psychischen Drucks sehen (55 %) und wo es eine starke Überschneidung mit dem Familien-Segment gibt.


9 von 10 Wiener:innen sehen einen starken Einfluss der Psyche auf die körperliche Gesundheit (58 % sehr stark, 35 % eher stark). Damit dürfte ihre Meinung durchaus dem Mainstream der Medizin und der Gesundheitswissenschaften entsprechen und zeigt umso mehr den Handlungsbedarf der Politik auf. Denn umfassende Gesundheit, sei es körperliche oder psychische, ist auch eine wesentliche Voraussetzung für einen funktionierenden Arbeitsmarkt, ein nachhaltiges Pensionssystem und vieles mehr.

Besonders ausgeprägt ist die Sichtweise, dass die Psyche die körperliche Gesundheit beeinflusst, wiederum unter den befragten Frauen (62 %) und in der Altersgruppe 50+ (61 %). Menschen, die selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen haben, sehen hier ebenfalls eine besonders starke Verbindung (70 %).


Dokumentation der Studie: Online-Befragung über das Bilendi-Panel, repräsentativ für die Wiener Bevölkerung zwischen 16 und 79 Jahren, n = 501, max. Schwankungsbreite der Gesamtstichprobe +/- 4,2 %Befragungszeitraum: 14. bis 21. Juli 2026, mobile Beantwortung: 69 %

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